Markt der Gedanken


 Am 19. August, einem Sonntag des Jahres 1543 schaut der berühmte, dem alten katholischen Glauben immer noch treu ergebene, Bürgermeister und Stadtschreiber Johannes Hass aus einem Fenster der Königsstube des Rathauses auf das geschäftige Treiben auf dem Untermarkt. Denn der acht Tage währende Kirmesmarkt, der bedeutendste Görlitzer Jahrmarkt, wurde gerade eröffnet. Der Marktmeister hat für alle sichtbar den Markthut an einem Pfahl aufgezogen. Bis zum zwölften Glockenschlag genießen nun die Görlitzer ihr Vorkaufsrecht, und somit die billigen Preise. Die Gasthöfe und die prächtigen Häuser der reichen Bürger können die vielen Marktgäste und fremden Händler aus Nürnberg, Leipzig oder Breslau kaum aufnehmen. Sie alle hoffen, dass sie mit prall gefüllten Beuteln in acht Tagen die oft gefahrvolle Heimreise antreten können. An den Abenden zechen sie dann fröhlich mit den Görlitzern in den über hundert Bierhöfen. Begierig lauschen jene ihnen, um Neuigkeiten aus aller Welt zu erfahren. Ja, auf den Görlitzer Marktplätzen wurden eben nicht nur Waren gehandelt. Nein, man tauschte neue, gute Erfahrungen und Ideen mit den Reisenden. Aber sie brachten auch gefährliche Ideen mit, die zu Aufruhr, zur Bedrohung der Jahrhunderte alten, guten Ordnung führten. Deshalb vermerkt Johannes Hass stolz die Ruhmestaten der Görlitzer in seiner berühmten Chronik. So berichtet er über die großzügigen frommen Stiftungen der Kaufleute. Georg Emmerich etwa, der König von Görlitz, wie ihn Luther einmal nannte, ließ 1489 für 1000 Gulden das Frauenhospital errichten um damit „Pilger, fremde paedagogi und arme Schüler, die gen Görlitz kamen, eine Mahlzeit an Essen und Trinken, auch ein Nachtlager“ zu schenken. Mit Abscheu, beißendem Sarkasmus, und Worten wie Blitzen warnt Johannes Hass darin besonders vor gefährlichen – und wie er meint unchristlichen – Ideen die über die Handelsstraßen wandern und auch die Görlitzer Stadttore unkontrolliert passierten und zu schrecklicher Aufruhr führten. Abgrundtief hasst der alte Mann die, wie er vermeint, schrecklichen Neuerungen Luthers. Besonders die Handwerker folgten ihnen töricht wie Schafe. Freilich der gute katholische Glauben der die Stadtgemeinde verband wurde immer wieder gefährdet. Er dachte an die blutigen Hussitenkriege. Görlitz hatte den Ketzern als einzige Stadt in der Oberlausitz getrotzt und den Kaiser in seinem Kampf unterstützt. Dafür durfte man seit 1433 den doppelköpfigen Reichsadler im Wappen führen. Die  Zittauer und Bautzner wurden deshalb gelb vor Neid. Ja aber die ketzerischen, hussitischen Gedanken schlichen sich auch in den folgenden Friedensjahren in die Köpfe der Görlitzer. Zudem dachten sie nur an den Geldbeutel und lebten sündhaft. So musste der Rat immer wieder die Tanzordnungen verlesen lassen und mit harten Strafen drohen, wenn die Junggesellen die Jungfrauen so verdrehten, dass ihre Röcke übern Nabel fielen und man sie ganz nackt sah. Der Kampf des frommen Stadtrates gegen Kleiderluxus, Üppigkeit beim Essen und übermäßiges Saufen sogar an den christlichen Feiertagen erschien wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Da endlich erschien der, ob dieses Treibens verzweifelten Stadtobrigkeit am 10. Januar 1453 ein dürrer, kleiner, alter Franziskanermönch. Es handelte sich um den Papstgesandten, Generalinquisitor und legendären Franziskaner Mönch Johannes Capistranus, welcher 1690 heiliggesprochen wurde. Der Rat ließ ihm auf dem Obermarkt einen Predigtstuhl erbauen von dem er zwei Wochen gegen das Laster mit drohenden Worten und lebhaften Gebärdenspiel kämpfte. Er verbrannte Würfel, Karten und Brettspiele, ließ die Spitzen der Schnabelschuhe abhauen und schnitt den Männern die modisch langen Haare ab. Er soll sogar Wunderheilungen an Kranken bewirkt haben. Hass bewunderte diesen Kämpfer für den Glauben. Die Kirche freilich geriet immer mehr in die Kritik. Die Renaissancepäpste glichen eher prassenden Fürsten, Lebemännern und Condottieri als gottgesandte Hirten der Herde der Gläubigen. Um die Geistlichkeit in Görlitz stand es ebenso nicht zum Besten. Zahlreiche geistliche Delinquenten wurden wegen Bordellbesuchen, Diebstahl und Mord vom Stadtgericht verurteilt. So vergnügt sich der Mönch Ciara bei den gelüstigen Weibern in der Kahle. Johannes Hass beschrieb sehr drastisch den Zustand der  Görlitzer Priesterschaft. „Sein aber gemeinlich gewest grobe ungelarte gesellen, die nichts gewost, nichts getan, den die wochen 3, 4 und 7 messen gelesen, das die Lutherischen heissen und nennenn winckelmessen. Haben auch dasselbige nicht wol gekondt, adir yhe dorzu gangenn, wie die saue zum troge. Und ist solcher ungeschickter pfaffen ubiraus viel ordinirt wurden, doran die bischoffen sehr ubel getan, das auch die ganze werlt solcher pfaffen vol wurden ist...“ Seinen Unwillen erweckte auch der Bierschank in den Pfarrhöfen, der Handel mit Pfarrerstellen aber auch die schnelle und recht oft erfolgte Drohung mit dem Banne durch die Görlitzer Geistlichkeit, wenn geforderte kirchliche Abgaben nicht geliefert wurden. Versuche des Rates die schlimmsten Missstände auf geistlichem Gebiet zu ordnen misslangen. So gewann die Reformation schnell zahlreiche Anhänger in der Stadt. Das Auftreten des von Luther heftig  kritisierten Ablasspredigers Johannes Tetzel in den Jahren 1508 bis 1510 ärgerte den frommen Hass. Die die Menschen einschüchternde und verängstigende Art seiner Predigt und der Umstand, dass sich Tetzel am Becken die Taschen vor aller Augen mit Geld vollgefüllt hatte, sorgte wohl nicht nur bei Johannes Hass für Empörung: „Solche furnemen bruder Tetzels, und seine tortischen predigtten, das er so frech, und ummbs gelds willen die indulgentien auffgemutzt, haben viel leuten ubil gefallen.“ Das Geld floss ab von der Neiße an den Tiber nach Rom. Der Kapitalverlust für die heimische Wirtschaft war sehr hoch. Nach den Worten Tetzels, sei das der Gewinn in Görlitz „nächst Köln am Rhein in deutscher Nation“ der größte gewesen. Besonders unter den unzufriedenen Handwerkern fanden so die Ideen Luthers Beifall und Anhang. Die zahlreichen Görlitzer Studenten in Wittenberg und Leipzig brachten seine Schriften schnell in die Neißestadt. Der Rat und Johannes Hass wollten dagegen im Jahre 1520 einen klugen Schachzug tun und einen allseits beliebten und treuen Oberpfarrer küren. Es wurde aus der Sicht des mächtigen Stadtschreibers wohl der Fehlgriff seines Lebens. Denn der Görlitzer Gerbersohn Franz Rotbart (Franciscus Ruperti), welcher bisher Pfarrer in Sprottau gewesen war, predigte während der Pest 1521 ganz im Sinne Luthers. Die Obrigkeit freilich, war wie üblich auf ihre Landgüter geflohen. Und so nahm das Unheil aus Sicht des Johannes Hass seinen unaufhaltsamen fürchterlichen Lauf.  Trotz Rotbarts Vertreibung und trotz Androhung höchster Strafe durch den Rat und  allsonntäglichen Verlesen bischöflicher Mahnschreiben waren die meisten Bürger und Handwerker für den alten Glauben verloren. Die Spannungen zwischen Rat und Gemeinde verstärkten sich immer mehr. Bei den Kirchenprozessionen „haben sie dem rathe und den priestern nicht weichen wollen, das auch die eldisten in irem stul nicht wol sicher gewest, aus dem gemurmel und geschrey, das der gemeine man und weib in der kirchen undir sicher erhoben und gehalten, bisweilen nicht anders den wie inn einem krethschmer und bierhause.“ Auch die Altgläubigen Geistlichen wurden das Ziel von Angriffen. Man verspottete die Mönche und einen von ihnen mit Namen „Messirschmidt“, habe man „toppe follir menschenmist auffn predigtstul geworffen.“ Rotbart kehrte zurück. Das Osterfest 1525 wurde erstmals nach der neuen Konfession begangen.  Am 25. April taufte man das Kind des aus Bamberg stammenden Paul Gürtler als erstes in deutscher Sprache nach Luther Taufbüchlein. Luthers Reformation hatte gesiegt. Die Befürchtungen des Oberstadtschreibers, um den Bestand der alten Ordnung bewahrheiteten sich freilich. Die Bauern in der Heide sympathisierten mit Thomas Münzer, dem Bundschuh und den Bauernkriegern, welche gegen die drückenden Abgaben und Dienste in Aufruhr geraten waren. 1527 forderten die Görlitzer Handwerker politische Mitbestimmung im Rat, das Braurecht und mehr. Der Handwerkeraufstand  sei durch die „auffruhrischen Prediger vorgifftunge“ entstanden meint Hass sehr trefflich. Es gelang ihm die Aufrührer zu verhaften. Am 25. September 1527 richtete man den Tuchmacher Stolzenberg mit dem Schwert, Peter Liebig wurde gevierteilt. Genau an der Stelle an welcher heut der Neptunbrunnen auf dem Untermarkte steht. Aber auch die Regierung König Ferdinands welcher Johannes Hass und die noch im Rat verbliebenen Katholiken im Kampf gegen Handwerkerrebellion und Reformation unterstützt hatte, entwickelte sich zur Bedrohung der stolzen Stadt. Hass musste zunehmend resignierend erfahren, dass die starke Hand des Habsburgers die Sonderrechte der Städte beschnitt und sich dabei mit dem, den des Reichtums und der Macht der Sechsstädte verärgerten und neidischen, Landadel verbündete. Er hatte erlebt wie der Görlitzer Tuchhandel durch die osmanische Invasion auf dem Balkan und in Ungarn in eine schwere Krise geriet.  So verstarb der verbitterte und wohl unglückliche Johannes Hass am 3. April 1543 in seinem Haus in der Petersgasse 11. Mit seinem Tode und dem Strafgericht König Ferdinands im sogenannten Pönfall von 1546 endete die große erste Blütezeit der Stadt. Es folgten das Zeitalter der Glaubenskriege, der kleinen Eiszeit begleite von Hunger, Not und Pest. Zeiten der Gärung, des Wandels und neuer Ideen und Betrachtungen. Im Jahre 1612 schreibt so der bis dato unbekannte Schuster, Mystiker und Theosoph Jacob Böhme seine „Aurora oder Morgenröte im Aufgang“. Über die via regia gelangten die Gedanken des Paracelsus, die Schriften der Kabbala und der Mystiker die in seine Schriften eingingen auch nach Görlitz. Seine Werke wiederum sind heute in der ganzen Welt bekannt und gelten japanische Philosophen als Brücken zwischen fernöstlichen und europäischer Ideengeschichte und Philosophie. Jahre später hält sich Johann Wolfgang von Goethe einige Minuten in Görlitz auf um zu frühstücken. Neben Hegel, Schelling und vielen anderen haben ihn Böhmes Gedanken befruchtet. Gott ist in allem und in allem steckt das Gute wie das Böse.

Nehmen Sie diesen kleinen Beitrag als Anregung und zur Ermutigung in Zeiten des Umbruchs, der Veränderung, der Wandlung und neuer Gedanken und Ideen die nach Görlitz gelangen und von unserer Stadt ausgehen. Alles verändert sich, alles fließt, wusste schon Heraklid. Ganz im Sinne des böhmischen Dialektes lässt Goethe Mephisto rufen: „denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Wir erleben vielleicht gerade in dieser bewegten Zeit eine dritte Stadtblüte nach harten Jahren des Um- und Aufbaus nach der Wiedervereinigung. Die Altstadt ist heute schöner als jemals zuvor.

 

Genießen Sie das bunte Festtreiben. Und vielleicht halten Sie es ja mit Goethe und murmeln beseelt vor sich hin oder rufen es laut heraus: Zum Augenblicke dürft` ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!“
Ich wünsche Ihnen viel Freude und bin überzeugt: auch der strenge Stadtschreiber würde beim Anblick der wunderbaren Heimatstadt gerade beseelt lächeln!

 

Siegfried Hoche